"Firma erloschen - Raison sociale n’existe plus – Ditta cessatta“  
Intervention/Happening im Atelier. 20. Juni 1998

Eigentlich sollte das Ereignis heute bei Markus Furrer nicht „Atelierbesuch“ heissen, sondern „Samstagnachmittag 20. Juni 1998“. In diesem Sinne gibt es auch kein Atelier zu besichtigen. Sein Arbeitsraum ist quasi leer, es hängen keine Bilder oder Ideenskizzen an den Wänden, es stehen auch keine Skulpturen oder irgendwelche Objekte herum. Der Rau ist sehr spärlich mit Computer und Ablageflächen möbliert. Auf dem Bildschirm sehen wir eine Dia-Show seiner Pflanzen im Garten, sein, wie er es nennt „Elektronisches Herbarium“ Wir könnten uns ebenso im Büro eines Programmierers oder einer Lehrerin befinden, es würde sich kaum etwas ändern. Das Atelier als geheimnisumwitterter Ort der Kreation ist inexistent und bewusst ad absurdum geführt. Wir sollten uns auch gar nicht wundern, denn die Einladungskarte spricht klar und deutlich: „Firma erloschen - Raison sociale n’existe plus – Ditta cessatta“. 
Wo ist, wo liegt, wo steht denn die Kunst? Kunst ist überall und nirgends; Kunst ist dort wo wir sie nicht erwarten. 
Unser Treffen bei Markus Furrer ist Ereignis genug, es ist eine Aktion, bei der die Leute und ihre Intervention wichtig sind. Der Künstler hat uns, das ganze Haus, das Zusammensein, die Gespräche zum Happenig erklärt. Dass Sie, verehrte Anwesende schlendern, Wein trinken, schwatzen, Spuren hinterlassen, macht sie zu Akteuren einer Aktion, die zum ephemeren, nicht greifbaren Kunstwerk wird.

Die Grenze zwischen Happening und täglichem Leben soll flüssig und möglichst unbestimmbar bleiben. Der Unterschied zwischen dem Künstler und dem Publikum ist aufgelöst. Es ereignet sich eine Angleichung des Kunstgeschehens an vorgefundenen Situationen des alltäglichen Lebens. Ein Hppening wird nie geprobt, es ist einmalig und wird von Nicht-Professionellen aufgeführt. Was Schlussendkichn übrigbleiben wird, ist die Erinnerung an diesen Samstag. Der Künstler entzieht sich auf iese Weise dem Anspruch, dem Besucher ein Souvenir zu verkaufen. 
Markus Furrer kreiert nichts mit seinen Händen. Vielmehr stellt er sich Fragen über seine Stellung als Künstler in der Öffentlichkeit. Sein Weg, diese Fragen aufzuwerfen, besteht nicht darin, etwas bildlich oder schriftlich festzulegen, sondern besteht im Bereitstellen einer Situation, in welcher es für ihn entscheidend ist, wie, wo und unter welchen Bedingungen er eine Aktion für das Publikum in Gang setzt. 
Furrers Kunst will keine inhaltliche Belehrungen bieten, sondern beabsichtigt nicht mehr und nicht weniger als die Aufrüttelung des Bewusstseins aus der Lethargie gewonter Verhaltens- und Denkmechanismen durch eine neue Sensibilisierung der Erlebnisfähigkeit. Markus Furrer beabsichtigte, uns Besuchern seinen Arbeitsraum ganz zu verschliessen, abzuriegeln. Er hätte sich sich so nur dem Ereignis „Atelierbesuch“ verweigert, aber hätte sich keinesfalls als Künstler verneint. Denn stellen sie sich vor, wir wären vor verschlossener Tür gestanden und der Künstler wäre abgereist. Wäre diese Situation nicht Stoff genug gewesen über den Künstler und sein Werk „zu diskutieren“? 

Sandra Bachmann